{"id":201,"date":"2015-04-24T14:29:18","date_gmt":"2015-04-24T14:29:18","guid":{"rendered":"http:\/\/davoud-sarfaraz.de\/wordpress\/?page_id=201"},"modified":"2015-04-27T15:37:38","modified_gmt":"2015-04-27T15:37:38","slug":"interview-von-dr-phil-helga-jansen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/davoud-sarfaraz.de\/wp\/interview-von-dr-phil-helga-jansen\/","title":{"rendered":"Interview von Dr. Phil. Helga Jansen"},"content":{"rendered":"<h2>Warum ein Interview mit Davoud Sarfaraz<\/h2>\n<p>Ich habe die letzten Ausstellungen von Davoud Sarfaraz besucht und ihn dann auch pers\u00f6nlich kennengelernt.<\/p>\n<p>Mich hat fasziniert, hinter der Fremdheit seiner Bilder etwas zutiefst Bekanntes zu entdecken, n\u00e4mlich Grenz\u00fcberschreitung und Sehnsucht nach neuer Beheimatung.<\/p>\n<p>In unseren Gespr\u00e4chen entdeckte ich einen Menschen von heute, einen Wanderer zwischen den Welten, der immer neu darum ringt, dass Denken, F\u00fchlen und k\u00fcnstlerischer Ausdruck eine Einheit bilden.<\/p>\n<p>Vieles, was ich nur in der oft zu rationalen Sprache der westlichen Kultur erfassen und ausdr\u00fccken konnte, hat durch ihn eine bereichernde Perspektive erfahren.<\/p>\n<p>Darum war ein Interview mit ihm f\u00fcr mich eine spannende Angelegenheit.<\/p>\n<h2>Davoud Sarfaraz im Interview mit Dr. phil. Helga Janzen<\/h2>\n<p>H. Welche Wirkung m\u00f6chtest du bei den Menschen durch das Betrachten deiner Bilder erreichen?<\/p>\n<p>D. Mein erstes Ziel ist, dass ich mich selbst durch Kunst erreichen m\u00f6chte. Wenn ich wirklich bei dem wachen Nerv meines Pers\u00f6nlichkeitszentrums ankomme, dann bin ich ziemlich sicher, dass ich auf jedem Fall mit dem Betrachter meiner Bilder in Verbindung komme. Im Persischen gibt es ein Sprichwort: \u201eWas vom Herzen kommt, geht zum Herz.\u201c In diesem Fall k\u00f6nnen die Betrachter f\u00fcr ihre eigene Entwicklung angeregt werden.<\/p>\n<h3>Vom Vorgang des Malens<\/h3>\n<p>H. Was muss geschehen, damit du malen kannst?<\/p>\n<p>D. Um bei der Malerei anzukommen, muss man sich vom Alltag trennen. Die erste Stufe hat etwas von der Aufw\u00e4rmphase bei einem Sportler. Man sieht sich als bewegliches Wesen. Man kann in die Vergangenheit reisen und bei verschiedenen Erinnerungen ankommen. Man kommt auch wie automatisch mit allem, was man vom Alltag mitgenommen hat, in Verbindung. Die zweite Stufe bedeutet den Beginn der Freiheit. Man kann Gedanken, die nicht mit den eigenen \u00fcbereinstimmen, zur Seite legen. Man erlebt den eigenen K\u00f6rper, die Seele, Gedanken und Gef\u00fchle. Man erkennt die eigene Stimme, die eigene Individualit\u00e4t und die Tatsache, dass man zwischen Milliarden von Menschen irgendetwas hat, das die anderen nicht haben.<\/p>\n<p>H. Ist es das Erleben von Freiheit, das dich zum Malen bef\u00e4higt?<\/p>\n<p>D. Nach meiner Auffassung ist der Kern der Malerei, der Kunst \u00fcberhaupt, das Erleben von Freiheit. F\u00fcr mich bedeutet das, mit der \u201eLeere\u201c anzufangen. Da gibt es keine Vorstellungen, keine Gedanken, kein Gef\u00e4ngnis von bildnerischen Informationen und Elementen. Ich m\u00f6chte auch nicht malen, sondern gemalt werden. Ich werfe Farben aufeinander und verfolge dieses Aufeinander- und Nebeneinander-Leben der Farben als Zeuge &#8211; und nicht als K\u00fcnstler -, der schaut, wie sich das weiter entwickelt. Und jeder Flecken Farbe hat f\u00fcr sich etwas Seelisches. Ja, die Seele wird gebadet, wie der K\u00f6rper im Bad.<\/p>\n<p>H. Wie aber entsteht aus diesen Anf\u00e4ngen ein Bild?<\/p>\n<p>D. Wenn man in dieser Phase etwas erkennt, ein Element, eine Figur, etwas, das mit dem eigenen tiefen Inneren zu tun hat, dann f\u00fchlt man die Notwendigkeit der \u00c4u\u00dferung. Denn die totale Freiheit erlebt man, um sich bildnerisch weiter zu zeigen, um zu einem objektiven Ergebnis zu kommen.<\/p>\n<p>Erst das Vergessen, dann das Gestalten \u2013 ein K\u00fcnstler gleicht dem Ph\u00f6nix aus der Asche.<\/p>\n<h3>Das Fremde in der Kunst<\/h3>\n<p>H. Du sprichst oft davon, dass Fremdsein f\u00fcr dich ein wichtiger Aspekt in der Kunst ist.<\/p>\n<p>D. Wenn man von Anfang an unbedingt eine bestimmte Idee oder eine feste Vorstellung in der Malerei verwirklichen m\u00f6chte, dann trifft man keinen wachen Nerv. Mit der direkten oder indirekten Kopie der Sch\u00f6nheitsideale anderer Maler kommt man in keinem Fall an sein eigenes \u201eIch\u201c.<\/p>\n<p>Man muss verstehen, dass jede Kunst im Laufe der Zeit eine Grenze hat. Sie geht zur Seite. Die Menschen, hier die Betrachter, je nach ihren eigenen k\u00fcnstlerischen Bed\u00fcrfnissen, wollen eine bestimmte Art nicht mehr (das gilt f\u00fcr jede Kunst). Der K\u00fcnstler muss sich damit besch\u00e4ftigen und er muss Bescheid wissen, wie er sich vom Einfluss alter Kunst befreien kann. Man k\u00e4mpft mit seinen Gewohnheiten in der Kunst, versucht, sie zur Seite zu legen. So bleibt die Kunst lebendig. Fremd sein ist ein wichtiger Aspekt f\u00fcr mich: Kunst schaffen, die es bisher noch nicht gab.<\/p>\n<p>Ein Bild ist tats\u00e4chlich lebendig, neu und damit auch fremd, wenn der K\u00fcnstler selbst sich dar\u00fcber wundern kann. Das Sich-Wundern-K\u00f6nnen \u00fcber das eigene Bild ist auch der Beweis daf\u00fcr, dass es fertig ist.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich begann die Befreiung von Vorbildern mit einem Schock. Ich zeigte einem Professor in einem musischen Zentrum Fotos von einigen meiner Bilder aus dem Iran. \u201eDu bist beeinflusst von van Gogh usw. &#8211; wo bist du selbst?\u201c<\/p>\n<p>Das war f\u00fcr mich der Beginn einer Phase, alles Gelernte zu vergessen. Vergessenheit ist eine schwierige Sache. Zwei, drei Jahre machte ich keine Ausstellungen. Ich habe auch keine Ausstellungen und Kataloge angesehen. Ich versuchte, bei mir selbst anzukommen und war gnadenlos zu mir selbst. St\u00e4ndig fragte ich mich: Wann ist mein Bild vollendet? Wenn ich Eindruck hatte, beeinflusst zu sein, z. B. Von Chagall, wurde das Bild \u00fcbermalt. In dieser Zeit waren meine Bilder sehr melancholisch. Da kam ich an meine \u00c4ngste, Traurigkeiten, bitteren Erinnerungen, die sehr tief waren. Davon wollte ich mich befreien.<\/p>\n<p>Ich benutzte blaue Farbe, eine Mischung von mehreren Farben.<\/p>\n<p>Dennoch bin ich beeinflusst, und zwar von der zeitgen\u00f6ssischen bildnerischen Sprache des Westens. Der Kern der Malerei ist das Erleben von Freiheit.<\/p>\n<h3>\u00dcber die Freiheit<\/h3>\n<p>H. Freiheit ist offensichtlich ein wesentliches Element deines Lebens.<\/p>\n<p>D. Das stimmt. Ich erlebe sie in meiner Innenwelt und in der Kunst. Der Alltag hingegen ist von vielen Notwendigkeiten und Zw\u00e4ngen bestimmt. Im Iran war es der politische Druck. In Deutschland ist es die B\u00fcrokratie: Beh\u00f6rden, Antr\u00e4ge und Vorschriften f\u00fcr alles und jedes. Dazu kommt Zeitmangel, Sorge, Stress und Hektik, die den Menschen in Gefahr bringen. Das alles erlebe ich, denn ich lebe nicht am Rande der Gesellschaft. Ich habe einen harten Alltag, und im Alltag ist man oft unter Druck. Dann entsteht Wut, weil man nicht bei seinem wahren \u201eIch\u201c ist. Gelingt es aber \u2013 wie ich es beschrieben habe \u2013 sich vom Alltag zu trennen und bei seinem wahren Selbst anzukommen, dann erlebt man Freiheit. Man befreit sich mit Kunst. Man wird reiner und nat\u00fcrlicher. Diese reine und nat\u00fcrliche Einheit benutzt man, um seine F\u00e4higkeiten weiter zu entwickeln.<\/p>\n<h3>\u00dcber Integration<\/h3>\n<p>H. Davoud, du bist ein Wanderer zwischen der Innen- und Au\u00dfenwelt aber auch zwischen der iranischen und deutschen Kultur.<\/p>\n<p>D. F\u00fcr mich ist es wichtig, dass K\u00f6rper, Augen, Herz und Gedanken zu einer nat\u00fcrlichen Einheit kommen. Kunst hat mit dieser Einheit zu tun. Sie ist nicht nur etwas Dekoratives. Sie muss in K\u00f6rper und Seele funktionieren. Und sie muss die im Alltag und von der Gesellschaft geforderte Person mit der inneren Welt und dem wahren Selbst verbinden. Wenn man bei der eigenen Natur ankommt, werden feine seelische Zust\u00e4nde erkennbar \u2013 je feiner, desto wertvoller auch f\u00fcr die Gesellschaft. Zur Integration von Innen und Au\u00dfen geh\u00f6rt auch, dass der K\u00fcnstler sich Alltag bew\u00e4hrt. Kunst und Alltag kommen im Inneren zusammen.<\/p>\n<p>Ein anderer Aspekt von Integration zeigt sich in meiner Malerei. Meine bildnerische Sprache ist zeitgen\u00f6ssisch westlich, gro\u00dfe Teile meiner Inhalte entstammen der iranischen Welt und Kultur. Darum wirken meine Bilder sowohl modern als auch fremdartig. Das kann europ\u00e4ische Betrachter bereichern. Durch Diskussionen und Gespr\u00e4che dar\u00fcber kann es zu einem Kulturaustausch kommen. Ein solcher Austausch f\u00f6rdert echte Integration. Denn Integration ist nicht Anpassung. Anpassung bedeutet Verlust der kulturellen Wurzeln und des eigenen Wesens. \u201eIch werde jetzt deutsch\u201c, das ist keine richtige Integration. Nat\u00fcrlich gelten f\u00fcr Migranten und Deutsche die gleichen Gesetze. Aber gegenseitiges Verst\u00e4ndnis entsteht durch Kommunikation. Das geschieht im Bereich der Kunst aber auch im Alltag.<\/p>\n<h3>\u00dcber die Bedeutung der Kunst<\/h3>\n<p>H. Kunst existiert f\u00fcr dich nicht in einer Sonderwelt, sondern hat vielf\u00e4ltige Bez\u00fcge zum gesellschaftlichen Leben.<\/p>\n<p>D. Kunst hat im K\u00f6rper und in der Seele eine Funktion. Sie erm\u00f6glicht es, sich als freies Wesen zu erleben, und das ist in erster Linie ein spirituelles Erlebnis. Dabei geht es nicht um eine bestimmte Religion, sondern um einen freien, sich stetig ver\u00e4ndernden und weiter entwickelnden Prozess, der um die Sinnfragen des Lebens kreist. Ein allgemeines Ziel von Kunst war immer, die Einheit von Gef\u00fchlen und Gedanken im Menschen zu f\u00f6rdern, eine Einheit, die St\u00e4rke bringt. Kunst formt Hoffnungen, Beziehungen und die zeitgen\u00f6ssische Moral. Kunst f\u00f6rdert Lebenskunst. Sie ist ein Bad f\u00fcr die Seele. Kunst ist der wichtigste Faktor f\u00fcr eine Integration von Innen und Au\u00dfen. Und sie erm\u00f6glicht die Durchdringung \u00f6stlicher und westlicher Symbolwelten.<\/p>\n<p>Ich stamme aus einer kleinen Stadt am Rande der W\u00fcste. Dort kann man die Sterne erleben, wie nirgends sonst. Ein Weintraubengarten sind die Sterne. Jeder Stern ist Antrieb f\u00fcr viele Gedanken, Philosophie und Spiritualit\u00e4t. Der Herr da oben, die Erde hier unten. Indirekt und intuitiv zeigt sich die Wirklichkeit der W\u00fcste in meinen Bildern. Z. B. Benutze ich f\u00fcr ein Bild nur eine Farbe, die einen gro\u00dfen Teil der Oberfl\u00e4che bedeckt. Das symbolisiert f\u00fcr mich die tiefe Ruhe, die man in der W\u00fcste erlebt.<\/p>\n<h3>\u00dcber das Verh\u00e4ltnis von Intuition und Wissen<\/h3>\n<p>H. Du betonst einerseits die Bedeutung der Intuition f\u00fcr den kreativen Ausdruck in der Malerei, andererseits aber auch die Bedeutung von Nachdenken und Wissen, z. B. \u00dcber Kunstepochen.<\/p>\n<p>D. Man muss verstehen, dass die Kunst im Laufe der Zeit eine Grenze hat. Irgendwann geht sie zur Seite. Die Menschen wollen dann eine bestimmte Art nicht mehr. Das ist ein Bereich von Wissen. Der K\u00fcnstler muss sich damit besch\u00e4ftigen. Er muss Bescheid wissen, wie er sich vom Einfluss alter Kunst befreien und eine neue k\u00fcnstlerische Sch\u00f6nheit und Beurteilung geben kann.<\/p>\n<p>Die heutige Kunstszene, die zeitgen\u00f6ssische Kunst, zeigt nach meiner Meinung die Menschheit auf dem Weg zu ihrer Vertiefung. Trotz all der Katastrophen, die man im Weltgeschehen sieht: Politik, Krieg und schmerzliche Sachen geht die Vertiefung durch die zeitgen\u00f6ssische Kunst weiter.<\/p>\n<p>H. Davoud, ich danke dir f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum ein Interview mit Davoud Sarfaraz Ich habe die letzten Ausstellungen von Davoud Sarfaraz besucht und ihn dann auch pers\u00f6nlich kennengelernt. Mich hat fasziniert, hinter der Fremdheit seiner Bilder etwas zutiefst Bekanntes zu entdecken, n\u00e4mlich Grenz\u00fcberschreitung und Sehnsucht nach neuer Beheimatung. 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